Hast du auch immer wieder Baby-Ratgeber oder das Internet durchforstet mit Fragen: „Baby schreit den ganzen Tag“, um Antworten zu finden, was mit deinem Baby los ist? Vielleicht bist du sogar immer noch dabei und wünscht dir endlich eine Antwort?
Nachdem mein zweiter Sohn zur Welt kam und er nach 1.5 Wochen anfing den ganzen Tag über zu schreien, verfiel ich in eine Ursachen-Recherche, statt die Zeit mit meinem Neugeborenen zu genießen. Aber ja, wie kann man denn auch so einfach die Zeit genießen, wenn die Tage mit intensivem und untröstlichem Schreien überschattet werden?
Es ist immer leichter gesagt, als getan!
Zumal man ja nicht genau weiß, woran das liegen könnte. Und als Elternteil geht man nun mal instinktiv auf Ursachen-Suche.
Auf meiner Suche bin ich auf (für mich) bekannte und unbekannte Begriffe gestoßen:
- Exzessives Schreien
- Koliken
- Regulationsstörung
- Schreibaby
- High Need Baby
- Schwieriges Baby
- 24-Stunden-Baby
Die Begriffe haben mich sehr verwirrt, da sie oft unterschiedlich benutzt werden. Und so stand ich nun vor der Frage: „Na was ist es denn nun?“
Falls es dir auch so geht, möchte ich die Begriffe gerne erklären:
Exzessives Schreien
Von exzessivem Schreien im Säuglingsalter wird dann gesprochen, wenn Babys untröstlich und aus unerklärlichen Gründen schreien. Außerdem spricht man auch davon, wenn die sogenannte „Dreierregel“ (1954 von Dr. Morris Wessel formuliert) eintritt. Diese besagt, dass das Schreien über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen, an mindestens drei Tagen pro Woche, mehr als drei Stunden pro Tag auftritt. Neben der Dreierregel werden insbesondere die untröstlichen Schreiattacken als charakteristisches Merkmal betont. Meistens treten diese Schreiattacken in den Abend- oder Nachtstunden auf. In der sechsten Lebenswoche hat diese Schreiphase meistens ihren Höhepunkt.
Koliken (3-Monats-Koliken)
Die 3-Monats-Koliken wurden 1954 von dem Kinderarzt Ronald Illingworth benannt und beschreibt die Babys, die an exzessivem Schreien leiden. Bei exzessiv schreienden Babys hat es oft den Anschein, dass sie Schmerzen haben. Aus diesem Grund war man früher der Annahme, dass Babys aufgrund der Verdauungsumstellung Schwierigkeiten haben. Häufig wird noch angenommen, dass Koliken das Ergebnis körperlicher Schmerzen sind (z.B. Bauchschmerzen, übermäßige Blähungen, Verstopfung, Krämpfe, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder Rückfluss von Magensaft). Aber all diese Theorien konnten jedoch bis heute noch nicht eindeutig belegt werden, da das exzessive Schreien meistens zwei Wochen nach der Geburt anfängt und bei den meisten nach dem dritten Monat wieder von alleine aufhört. Obwohl die Ursache für die Koliken noch nicht wissenschaftlich gefunden wurde, wird dennoch häufig bei Kinderärzten diese Diagnose gestellt und auf eins der genannten Theorien geschoben.
Regulationsstörung (im Säuglingsalter)
Auch hier gilt die sogenannte „Dreierregel“ und das exzessive Schreien (untröstliches Schreiverhalten) ist hier ebenso typisch. Auf einigen Webseiten (z.B. Kinderärzte im Netz) wird auch erklärt, dass es sich um eine Umbenennung der Begriffsbezeichnung handelt. Da die Koliken bisher nicht wissenschaftlich erwiesen werden konnten, wurde nun aus den „3-Monats-Koliken“, durch „Regulationsstörung“ ausgetauscht. Allerdings wird hier nicht von einer Verdauungsumstellung oder von Bauchschmerzen, Blähungen usw. gesprochen, sondern, diese Babys haben eine außergewöhnliche Schwierigkeit, auf ihr Alter bezogen, ihr Verhalten (Selbstberuhigung, Schreien, Schlafen, Füttern, Aufmerksamkeit) angemessen zu regulieren. In manchen Fällen wird auch dieser Begriff, mit Belastungen oder Störungen der frühen Eltern-Kind-Beziehung in Zusammenhang gebracht. In den meisten Fällen, lässt eine Regulationsstörung nach drei Monaten nach. Dieser Begriff wird meistens von medizinischem Personal angewendet und als Diagnose gestellt, wenn das Baby Schwierigkeiten, bei den oben genannten Punkten hat.
Schreibaby
Ein Baby ist dann ein Schreibaby, wenn es täglich mehr als drei Stunden an mindestens drei Tagen der Woche über mehr als drei Wochen (Dreierregel) aus unerklärlichen Gründen schreit und sich kaum beruhigen lässt.
Also wie du hier erkennen kannst, ist der Begriff „Schreibaby“ eher ein Überbegriff für „Babys mit Koliken“ oder „Babys mit Regulationsstörungen“. Er wird also umgangssprachlich benutzt. Bis zum 3. Monat trifft der Begriff „Schreibaby“ auf ca. 16% der Babys zu. Dieses untröstliche Schreien kann auch noch nach den drei Monaten anhalten (ca. 6%) und bis zum 6. Monat betrifft es noch ca. 2.5% der Babys.
Der Name Schreibaby ist der weitverbreitetste Begriff im deutschen Gebrauch, der angewendet wird und den die meisten Menschen verstehen, um welche Herausforderung es sich handelt. Aus diesem Grund gibt es für betroffene Eltern Anlaufstellen, an die sie sich wenden können, wenn ihr Baby viel und untröstlich schreit. Das sind sogenannte „Schreiambulanzen“ oder „Schreibabyambulanzen“.
High Need Baby (Baby mit starken Bedürfnissen)
Dieser Begriff wurde von dem amerikanischen Kinderarzt Dr. William Sears geprägt. Er und seine Frau hatten eine eigene Studie mit seinen kleinen Patienten und deren Eltern durchgeführt, nachdem sich sein viertes Kind von acht Kindern, schwierig verhielt. Diese galten bis dahin als „schwierige Babys“.
Allerdings sind High Need Babys nicht immer auch Schreibabys. Klar sie drücken sich in den ersten Monaten vermehrt mit schreien aus, da sie nicht anders ihre starken Bedürfnisse ausdrücken können. Aber bei ihnen wird nach einiger Zeit ersichtlich, dass das viele Schreien, nicht durch eine Regulationsstörung oder durch eine medizinische Ursache ausgelöst wird, sondern, dass es sich um das Temperament des Babys handelt. Sie sind meist sensibler und reagieren aufgrund dessen auch vermehrt auf Reize. Sie sind im Verhalten sehr intensiv, fordernd und wirken häufig auch mürrisch oder unzufrieden. Aber wenn man sie für etwas begeistern kann, dann sind sie das genauso mit voller Intensität. Sie benötigen nicht nur in den Nachmittags- oder Abendstunden vermehrte Zuwendung. Sie benötigen den ganzen Tag mehr Aufmerksamkeit, mehr Bewegung, mehr Anregung und mehr Beruhigung. Deshalb werden sie auch manchmal 24-Stunden-Babys genannt. High Need Babys weisen 12 Merkmale auf. Entweder alle davon oder die meisten davon.
Da aber im deutschen Gebrauch viele gar nicht wissen, was ein High Need Baby ist, wird häufig der Begriff Schreibaby benutzt. Da es sich aber um das Temperament der Babys handelt, nenne ich sie liebevoll „temperamentvolle Babys“!
Für mehr Information darüber siehe auch den Artikel 12 Merkmale (m)eines High Need Babys.
Mein Schlusswort
Wie du vielleicht erkennst, werden die Begriffe Koliken, Regulationsstörungen und Schreibaby häufig benutzt, wenn es sich um einen zeitlich begrenzten Zustand handelt. High Need Babys hingegen, haben eine frühe Ausprägung des Temperaments.
Wenn also der Kinderarzt bei deinem Baby z.B. die Koliken oder eine frühkindliche Regulationsstörung diagnostiziert hat, hast du vielleicht Glück und er hat recht. Dann hat der ganze Spuk nach ca. 3-6 Monaten ein Ende. Wenn aber dein Baby nach ca. 6 Monaten immer noch vermehrt weint und sich intensiv und fordernd verhält, dein Arzt aber keine medizinische Ursache erkennen kann, dann kann es höchstwahrscheinlich an seinem Temperament liegen und du hast ebenso großes Glück, solch ein wunderbares, aber herausforderndes Kind zu haben!
Wie du nun dein Baby benennen möchtest oder wie du es anderen Menschen beschreibst, hängt ganz von dir und deinem Gefühl ab. In jedem Fall ist aber dein Baby ein einzigartiger Mensch! Ob du ihm nun eine Bezeichnung gibst oder auch nicht. Diese Bezeichnungen dienen eher dafür, dass man als betroffenes Elternteil, andere betroffene Eltern findet und sich nicht alleine fühlt. Außerdem kann es sehr erleichternd sein, wenn man sieht, dass es ein normales Verhalten ist und keiner „Behandlung“ benötigt.
Hast du auch ein viel schreiendes Baby? Kommt dir dabei der Wunsch, dich mit Gleichgesinnten auszutauschen? Dann komm doch in meine private Facebook-Unterstützungsgruppe.
Wenn du dir nicht ganz sicher bist, ob du ein High Need Baby / temperamentvolles Baby hast, dann mach doch bei meinem Quiz mit. Dort erfährst du einiges über die verschiedenen Baby-Temperamente. Klicke dafür auf diesen Link.
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